Um Raubtieren wie Eulen zu entkommen, ahmt das Großmausohr (Myotis myotis) das bedrohliche Summen einer wütenden Hornisse nach. Diese clevere Taktik schützt die Fledermäuse effektiv vor ihren Feinden.
Dies ist der erste dokumentierte Fall, in dem ein Säugetier – hier eine Fledermaus – akustische Mimikry einsetzt, um Insektenlaute nachzuahmen und Raubtiere abzuschrecken. „Meines Wissens ist dies der erste Beleg für akustische Mimikry bei einem Säugetier“, erklärt Danilo Russo, leitender Autor der Studie und Professor für Ökologie an der Università degli Studi di Napoli Federico II (UNINA) in Portici, Italien.
Akustische und visuelle Mimikry ist eine bewährte Verteidigungsstrategie in der Tierwelt. Beispielsweise ähneln Küken einiger Vogelarten giftigen Raupen, wie eine Studie von 2015 in The American Naturalist zeigt. Ähnlich imitieren Wolfsmilch-Tigermotten (Euchates egle) die warnenden Ultraschalltöne giftiger Hundsgift-Tigermotten (Cycnia tenera), um Fledermäuse fernzuhalten, wie Forscher in Proceedings of the National Academy of Sciences berichteten.
Die neue Studie legt nahe, dass weitere Fledermausarten ähnliche Strategien nutzen. „Es ergibt absolut Sinn, dass Fledermäuse mit ihren raffinierten Stimmbändern auf akustische Täuschung setzen“, betont Mirjam Knörnschild, Expertin am Museum für Naturkunde in Berlin, die nicht an der Studie beteiligt war.
Danilo Russo entdeckte das Summen während seiner Doktorarbeit in Mittelitalien. Beim Entfernen der Fledermäuse aus Nebelnetzen fiel ihm auf: „Sie summten wie Wespen oder Hornissen.“ Um dies zu prüfen, leitete er unter Leonardo Ancillotto (Erstautor, UNINA-Postdoktorand) eine Untersuchung durch.
Das Team verglich die Fledermauslaute mit denen von Europäischen Hornissen (Vespa crabro) und Westlichen Honigbienen (Apis mellifera). Alle erzeugten repetitive, pulsierende Summen bei Störung. Innerhalb der Hörreichweite von Eulen war das Fledermaus-Summen den Hornissenlauten besonders ähnlich.
Die Aufnahmen wurden Schleiereulen (Tyto alba) und Waldkäuzen (Strix aluco) vorgespielt – ergänzt um nicht-summende Fledermauslaute. Sowohl zuchterzogene als auch wilde Eulen wichen den Summen aus, wildere stärker. „Das Vermeiden summender Tiere ist instinktiv“, resümiert Russo. Nicht-summende Laute lockten die Eulen hingegen an.
„Ich denke, die Autoren liefern starke Belege für die Wirksamkeit“, sagt Yossi Yovel, Professor für Zoologie an der Tel Aviv University. Zukünftige Studien könnten Korrelationen mit Eulen-Ernährung prüfen.
Das Team plant Untersuchungen bei anderen Myotis-Arten und Wirbeltieren. „Andere europäische Myotis-Arten emittieren ähnliche Rufe“, ergänzt Knörnschild. Tests mit Wespenfressern wie der Rotkehlkarakara (Ibycter americanus) wären spannend.
Die Ergebnisse erschienen am 9. Mai in Current Biology.