Von Nick Keppler
Die schwanzfressende Schlange ist eines der ältesten Symbole der Menschheitsgeschichte. In der altägyptischen Mythologie verschmelzen der Sonnengott Ra und Osiris, der Herrscher der Unterwelt, zu einem Supergott. Zwei Schlangen, die den schützenden Gott Mehen verkörpern, umschlingen ihn und halten ihre Schwänze im Maul.
In der nordischen Mythologie umkreist Jörmungandr, eines der monströsen Kinder Lokis, die gesamte Welt und hält seinen Schwanz im Maul. Die Prophezeiung kündet: Eines Tages löst es den Schwanz und steigt aus dem Ozean auf, um Ragnarök – das Ende und die Wiedergeburt der Erde – heraufzubeschwören.
Im Hinduismus umgibt die Schlange oft Shiva, den Gott der Zerstörung und Transformation. Platon sah darin eine Analogie zu einem selbstgenügsamen Universum, das nichts entbehrt. Moderne Popkultur nutzt es in Akte X als Tattoo auf Dana Scullys Haut – ein Symbol ihrer wiederkehrenden Skepsis gegenüber dem Paranormalen.
Der Ouroboros taucht in unzähligen Kulturen auf. Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung betrachtete ihn als archetypisches Bild der menschlichen Psyche. Salima Ikram, Professorin für Ägyptologie an der American University in Kairo, erklärt: Er steht für Zyklen, ewige Wiederkehr, Unendlichkeit, Vollendung und kosmische Selbstbeherrschung – alles, was sich wie der Sonnenzyklus dreht.
Spiegelt sich dieses Symbol in der Natur wider? Wurden antike Erzähler von realen Beobachtungen inspiriert?
Beißen sich Schlangen wirklich in den eigenen Schwanz?
Gelegentliche Berichte deuten darauf hin. 2014 lud ein Zoohändler ein Video hoch, das eine Albino-Western-Hognose zeigt, die sich um ihre Wasserschale windet und versucht, sich selbst zu schlucken – leider für den 717-USD-Wert der seltenen Schlange.
2009 brachte ein Mann aus Sussex seine Königsnatter Reggie zum Tierarzt: Das Tier nagte an seinem Hinterteil, die rückwärts gerichteten Zähne verhakten den Schwanz. Der Tierarzt, der so etwas noch nie gesehen hatte, befreite es.
Die neue Enzyklopädie der Schlangen berichtet von zwei amerikanischen Rattenschlangen, die an Selbstverdauung starben: Ein Gefangener tat es zweimal, ein Wildexemplar verschluckte zwei Drittel seines Körpers.
James B. Murphy, Herpetologe am Smithsonian National Museum of Natural History, betont: Solches Verhalten ist extrem selten und tritt meist in den Todeszügen auf. "Gegen Ende, wenn Schlangen krank sind, beißen sie sich selbst – ich habe das bei Klapperschlangen gesehen."
Schlangen zeigen kaum Emotionen oder Krankheitszeichen, außer Appetitlosigkeit. In engen Käfigen könnte eine Schlange ihren eigenen Schwanz für eine Beute halten. Viele Arten, wie die nordamerikanische Königsnatter, fressen sogar andere Schlangenarten. Manche kauen an ihrer abgestoßenen Haut.
Deshalb: Gründliche Recherche vor dem Mischen von Schlangenarten im Terrarium. Glücklicherweise bleibt der Ouroboros-Effekt rar – selbst langjährige Schlangenhalter erleben ihn selten. Zumindest bis Ragnarök.