Die Farben und Muster von Tieren erfüllen vielfältige Zwecke: Sie helfen bei der Partnerwahl, warnen vor Giftigkeit oder tarnen Raubtiere. Für Hinterhaltjäger wie den Tiger ist Unsichtbarkeit gegenüber der Beute entscheidend fürs Überleben. Warum wählen Tiger ausgerechnet Orange – eine Farbe, die für uns Menschen ultrasichtbar wirkt?
Orange sticht in den meisten Umgebungen hervor, wie bei Verkehrskegeln oder Sicherheitswesten. Doch das liegt an unserem trichromatischen Farbsehen. Licht trifft in unserem Auge auf die Netzhaut mit Stäbchen (für Helligkeit) und Zapfen (für Farben: Blau, Grün, Rot). So erkennen wir ein breites Farbspektrum, ähnlich wie Affen.
Die meisten Landtiere – darunter Hunde, Katzen, Pferde und Hirsche – besitzen dichromatisches Sehen mit Zapfen nur für Blau und Grün. Sie unterscheiden Rot und Grün nicht, wirken farbenblind. Tigers Hauptbeute, Rehe, sehen den Tiger daher nicht orange, sondern grün – ideal zur Tarnung im Busch oder Gras.
Grüne Tiger wären noch unsichtbarer, doch die Evolution begünstigt machbare Pigmente. "Es ist biomolekular einfacher, Braun- und Orangetöne zu erzeugen als Grün", erklärt John Fennell, Dozent für Tiersensorik an der Bristol Veterinary School. "Das einzige scheinbar grüne Säugetier, ein Faultier, nutzt Algen in seinem Fell – keine natürlichen grünen Säugetiere existieren."
Fennell simulierte mit KI die ideale Färbung und Muster. In der BBC-Sendung "Animals Behaving Badly" (2018) testete der Moderator dichromatische Brillen: Der Tiger wurde erst mit Brille sichtbar, was die Tarnung verdeutlichte.
Warum evolvierten Beutetiere kein trichromatisches Sehen? "Es fehlt an Druck, da Tiger selbst dichromatisch sind und ihre Farbe nicht 'kennen'", sagt Fennell. Das Wettrüsten dreht sich nicht um Orange, sondern um Tarnsysteme, die Tiger im Dschungel schützen.