Forschende des Loango-Schimpansenprojekts haben beeindruckende Videoaufnahmen veröffentlicht, die zeigen, wie Schimpansen Insekten zur Behandlung von Wunden bei sich selbst und ihren Artgenossen einsetzen.
Die Aufnahmen stammen von Alessandra Mascaro, einer erfahrenen Freiwilligen im Regenwald von Gabun. Sie dokumentieren den ersten je aufgezeichneten Fall dieses Verhaltens bei einer vom Aussterben bedrohten zentralafrikanischen Schimpansin (Pan troglodytes troglodytes) namens Suzee und ihrem Sohn Sia.
Mascaro filmte, wie Suzee die Wunde an Sias Fuß untersuchte, ein Insekt von der Unterseite eines Blattes pflückte, es im Mund zerquetschte und auf die Verletzung auftrug.
"Nach ausführlicher Diskussion mit meinen Kollegen stellten wir fest, dass wir ein solches Verhalten noch nie beobachtet hatten und es auch nie zuvor dokumentiert worden war", erklärt Mascaro.
In den folgenden 15 Monaten beobachteten die Wissenschaftler 22 Schimpansen aus einer Gruppe von etwa 45 Individuen. Sie dokumentierten 19 Fälle der Insektenanwendung auf eigenen Wunden und zwei Fälle prosozialer Pflege durch Gruppenmitglieder.
"Ein erwachsener Männlicher namens Littlegrey litt unter einer tiefen Wunde am Schienbein. Die adulte Weibchen Carol fing ein Insekt, reichte es ihm – woraufhin er es auftrug. Anschließend berührten auch Carol und zwei weitere adulte Schimpansen die Stelle, um ihrem Gruppenmitglied zu helfen", beschreibt Ozouga-Freiwillige Lara Southern.
Dies markiert die erste dokumentierte topische Anwendung von Insekten durch Schimpansen – nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei anderen. Bisherige Beobachtungen zur Tier-Selbstmedikation betrafen meist den Verzehr pflanzlicher oder insektischer Substanzen.
Die genaue Insektenart ist noch ungeklärt, doch Experten vermuten antibakterielle, antivirale oder entzündungshemmende Wirkungen. Solche Wunden entstehen oft durch inner- oder zwischengruppale Konflikte und können mehrere Zentimeter messen.
Bei Menschen reicht die traditionelle Insektenanwendung auf Wunden bis ins 14. Jahrhundert v. Chr. zurück, wie die Forscher betonen.
Dieses Verhalten unterstreicht prosoziale Tendenzen bei Schimpansen – Handeln zum Wohle anderer, jenseits eigennützigen Interesses.
"Besonders beeindruckend: Viele zweifeln an prosozialen Fähigkeiten anderer Tiere. Hier sehen wir, wie Schimpansen sich umeinander kümmern", sagt Kognitionsbiologin Simone Pika von der Universität Osnabrück.
Nächste Schritte: Identifikation der Insekten, Analyse pharmazeutischer Eigenschaften und Erforschung sozialer Regeln des Insektentauschs.
"Nach Jahrzehnten Forschung überraschen wilde Schimpansen uns weiterhin mit neuartigen Verhaltensweisen", fasst Primatologe Tobias Deschner vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie zusammen.
Die Studie erschien am 7. Februar in der renommierten Fachzeitschrift Current Biology.