Auf einem Unterwasserberg im Arktischen Ozean gedeiht eine beeindruckende Schwammkolonie mit einem faszinierenden, wenn auch makabren Geheimnis. In dem nährstoffarmen Tiefseehabitat überleben die Schwämme, indem sie die Überreste längst ausgestorbener Tiere verdauen, die einst diese Seamount-Gipfel besiedelten. Seit Jahrhunderten ernähren sie sich von den Leichen ihrer verstorbenen "Nachbarn".
Wissenschaftler haben diese außergewöhnlichen Organismen kürzlich am Langseth Ridge entdeckt – einem erloschenen vulkanischen Seamount in der zentralen Arktis. In Tiefen von 1.640 bis 1.969 Fuß (500 bis 600 Meter), bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, bedecken Tausende von Schwämmen eine Fläche von 15 Quadratkilometern.
In nährstoffarmen Tiefseebereichen basieren Ökosysteme oft auf hydrothermalen Quellen (Seeps), die Wärme und Nahrung bieten. Hier jedoch endete die vulkanische Aktivität vor Tausenden von Jahren, und starke Strömungen fehlen. Die Schwämme nutzen stattdessen gelöste Verbindungen aus einem "Friedhof" von Röhrenwürmern und Muscheln, die vor Äonen ausstarben. Symbiotische Bakterien unterstützen ihren Abbau.
Mit dem Ocean Floor Observation and Bathymetry System erfassten Forscher Videos, Bilder und Daten. Proben entnahmen sie mit dem ferngesteuerten Unterwasserfahrzeug "Nereid Under-Ice". Die Ergebnisse veröffentlichten sie am 8. Februar in Nature Communications.
Viele Schwämme erreichten einen Durchmesser von bis zu 1 Meter und zeigten aktive Vermehrung durch "erhebliche Knospung", berichtet Studienerstverfasserin Dr. Teresa Morganti, Postdoktorandin am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen. "Die zentrale Frage war: Wie überlebt eine solche Gemeinschaft hier? Wir hypothetisierten eine lokale Nahrungsquelle – die Überreste alter Sickergemeinschaften", erklärt sie.

Unter den Schwämmen fanden die Experten dichte Biomasse aus versteinerten Röhrenwürmern, die vor 2.000 bis 3.000 Jahren starben. Schwammspuren auf den Fossilienmatten zeugen von ihrem Fressverhalten. Viele Schwämme sind mindestens 300 Jahre alt und beherbergen Mikroorganismen wie Chloroflexi-Bakterien, die organische Stoffe freisetzen.
Trotz Tausender Individuen reicht die Nahrung aus: Die Schwämme weisen eine extrem niedrige Stoffwechselrate auf, bedingt durch Größe und arktische Kälte, so Morganti. "Sie verbrauchen die Ressourcen langsam und haben langfristig Versorgungssicherheit."
Dennoch droht der Klimawandel: Schmelzendes Meereis könnte mehr Nährstoffe in die Tiefe spülen, neue Arten anlocken und den einzigartigen Lebensraum der Schwämme bedrohen, warnt die Expertin.