Meeresbiologen haben in den türkisfarbenen Gewässern der Guadalupe-Insel vor der Westküste Mexikos faszinierende soziale Strukturen bei Weißen Haien entdeckt. Als Experten für Haiforschung mit jahrelanger Praxiserfahrung vor Ort berichten wir von dieser bahnbrechenden Studie.
Jeden Herbst und Winter strömen Dutzende Weißer Haie zur Insel, um zu jagen. Doch eine Studie, veröffentlicht am 23. März in der renommierten Fachzeitschrift Biology Letters, zeigt: In den Saisons 2017 und 2018 formierten markierte Exemplare enge Gruppen. Sie patrouillierten lieber mit engen "Freunden" oder gleichgeschlechtlichen Partnern und verbrachten oft über eine Stunde gemeinsam unterwegs.
Besonders beeindruckend: Ein Hai-Paar schwamm 70 Minuten lang Seite an Seite – ein Rekord unter den beobachteten Interaktionen.
"70 Minuten sind eine Ewigkeit für einen Weißen Hai, um mit einem Artgenossen zu schwimmen", erklärt Studienleiter Yannis Papastamatiou, Meereswissenschaftler an der Florida International University, in einer Stellungnahme.
Solche langen Begegnungen deuten auf echte "soziale Assoziationen" hin, nicht auf Zufallsbegegnungen – vergleichbar mit Hai-Jagd-Kumpels, wie Papastamatiou betont.
Zwischen Oktober 2017 und Dezember 2018 markierten die Forscher sechs Weiße Haie (drei Männchen, drei Weibchen) nahe der Guadalupe-Insel. Die innovativen "super socialen Tags" – Sensoren mit Videokamera – überwachten Geschwindigkeit, Tiefe und Richtung und alarmierten bei Nähe zu anderen markierten Haien. Nach circa fünf Tagen lösten sich die Tags von der Rückenflosse.
Über 30 weitere Haie waren zuvor markiert, was Hunderte Interaktionen ermöglichte – von kurzen bis zu ausgedehnten.
Männliche Haie hielten sich meist zu Männchen, Weibchen zu Weibchen auf. Doch individuell variierte das Verhalten stark: Ein Hai traf in 30 Stunden ein Dutzend Artgenossen, ein anderer nur zwei in fünf Tagen.
Viele Treffen ereigneten sich nahe Robbenbrutplätzen. Die Haie nutzen soziale Kontakte vermutlich, um Jagdchancen zu teilen, ohne aktiv zusammenzuarbeiten, urteilen die Experten.
"Sie jagen nicht kooperativ, doch soziale Nähe ermöglicht Informationsaustausch", sagt Papastamatiou.
Aufgrund der begrenzten Stichprobe fordern die Wissenschaftler weitere Langzeitbeobachtungen, um die sozialen Dynamiken der Guadalupe-Haie vollständig zu verstehen.