Bei einem Tiefseetauchgang in der Dämmerungszone filmte ein Forschungsboot in über 700 Metern Tiefe eine beeindruckende Erscheinung: einen leuchtend roten Erdbeertintenfisch (Histioteuthis heteropsis) mit markanten ungleichen Augen – eines klein und schwarz, das andere groß, bauchig und gelb.
Dieser Kopffüßer glitt elegant durch sein dunkles Habitat, wobei er gelegentlich seine acht Arme und zwei Tentakel kräuselte und seine gespenstisch weißen Flossen wellenartig bewegte.
Die Sichtung im vergangenen Monat war zwar nicht überraschend, aber dennoch eine willkommene Entdeckung. „Wir beobachten sie regelmäßig – etwa bei jedem vierten Tauchgang –, sie sind jedoch nicht häufig anzutreffen“, erklärte Bruce Robison, leitender Wissenschaftler am Monterey Bay Aquarium Research Institute (MBARI), in einer E-Mail an Live Science. Robison, Leiter der Midwater-Ökologiegruppe bei MBARI, war nicht an der Expedition beteiligt.
Forscher steuerten das ferngesteuerte Unterwasserfahrzeug (ROV) Doc Ricketts – ausgestattet mit 4K-Video in Ultrahochauflösung – durch den Monterey Canyon vor der kalifornischen Küste. Diese Schlucht, Heimat einer reichen Biodiversität, ist fast so tief wie der Grand Canyon und gilt laut MBARI als eine der tiefsten Unterwasserschluchten an der US-Westküste.
Der Mantel des Erdbeertintenfischs erreicht bis zu 13 Zentimeter Länge. Das MBARI-Team teilte die Begegnung am 23. März auf Twitter: „Frisch aus der Tiefe! Bei einem kürzlichen Tiefseetauchgang entdeckte unser Team einen der markantesten Bewohner der Dämmerungszone: den Erdbeertintenfisch (Histioteuthis heteropsis) in 725 Metern (2.378 Fuß) Tiefe im Monterey Canyon.“
In einem weiteren Tweet erläuterte das Team: Der Erdbeertintenfisch besitzt ein großes und ein kleines Auge. Dieses asymmetrische Paar unterstützt die Nahrungssuche in der Dämmerungszone. Das große linke Auge schaut nach oben, um Schatten von Beute in der dünnen Beleuchtung zu erkennen. Das kleinere rechte Auge blickt nach unten und erfasst Biolumineszenzblitze von Beute oder Feinden in den dunkleren Tiefen, wie MBARI berichtete. Daher wird er auch Spitzkalmar genannt.

Erdbeertintenfische werden nicht mit ungleichen Augen geboren. Jungtiere haben symmetrische Augen; erst bei der Entwicklung zum Juvenil wird das linke Auge größer und im Erwachsenenalter mehr als doppelt so groß wie das rechte, wie MBARI dokumentiert.
An Land signalisieren leuchtende Farben Paarungsbereitschaft oder Gefahr. In der Tiefsee dient die purpurrote Färbung des Erdbeertintenfischs jedoch der Tarnung: Rotes Licht dringt nicht bis in die Tiefe, sodass Rot schwarz wirkt und Raubtiere wie Pottwäle, Delfine, Thunfische, Schwertfische oder Haie getäuscht werden, berichtet MBARI.
Der Name leitet sich nicht nur von der roten Farbe ab: Dunkle Flecken am Körper erinnern an Erdbeersamen. Diese sind Photophoren – Leuchtorgane, die durch chemische Reaktionen oder symbiotische Bakterien Licht erzeugen. Damit beleuchtet sich der Tintenfisch von unten (Gegenbeleuchtung), um sich der Umgebung anzupassen und sein Silhouetten vor Raubtieren zu kaschieren, erklärt Robison.
Robison ergänzt: „Das Kräuseln der Flossen dient der Positionsstabilisierung oder langsamen Fortbewegung. Für schnelle Manöver nutzt er den Düsenantrieb über den Siphon. Seine weichen, canard-ähnlichen Flossen an den Seitenarmen erinnern an agile Jäger.“